Heutzutage lernen wir dank Online Dating und erleichterter Kommunikation durch soziale Medien weit mehr potentielle Partner kennen. Dass es jedoch unglaublich schwer ist, darunter den oder die Richtige/n zu finden, wird jedem bewusst sein, der sich durch den Dating-Dschungel begeben hat. Dort wimmelt es von Fröschen, die, anstatt sich in Prinzen zu verwandeln, ihren Selbstdarstellungsdrang ausleben wollen. So schleppen wir uns von Verabredung zu Verabredung und kommen in den Genuss der ganzen Bandbreite der Datingfrustration. Sowohl im engen als auch im erweiterten Freundeskreis, auf den Datingplattformen der Nation als auch in den Bars und Pubs der Stadt ist kein ernsthaft interessanter Mensch zu finden, der es wert wäre ihn weiter kennen zu lernen? Sind wir heute nicht vielleicht einfach so vorschnell mit unseren Verurteilungen geworden, dass wir uns keine Mühe mehr geben hinter die Fassade der Selbstdarsteller zu schauen, die scheinbar nur warten, bis wir zu Ende erzählt haben, um uns dann wieder mit der nächsten Selbstbeweihräucherungsfront zu überrollen?

Eins lässt sich zumindest erahnen: den richtigen Partner zu finden ist vor allem Zufall. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und dann auch noch mitbekommen, dass man sich gerade mit einer ganz besonderen Person zeitgleich dort befindet. Zufall also, oder, wie andere sagen würden, Schicksal.
Oft gibt man irgendwann den Glauben auf ein besonderes Zusammentreffen und etwas Neues auf, denkt zurück an den oder die Ex, erinnert sich natürlich vornehmlich an das Gute, verdrängt warum es damals schon nicht funktioniert hat, redet sich ein sich weiterentwickelt zu haben und ist am Ende ziemlich überzeugt davon, dass es damals einfach nur der falsche Zeitpunkt war und jetzt bestimmt alles gut wird. Dass man nur niemand Neues gefunden hat, weil man ja eigentlich schon mit dem richtigen Partner zusammen war. Puh, fast übersehen. Das ist ja grad nochmal gut gegangen!

Hä!? Halt stopp, so war das nicht gemeint. Was ist, wenn wir einfach verlernt haben zu erkennen, worum es geht. Jeder Mensch hat etwas Besonderes und Einzigartiges an sich. Wir schauen nur nicht mehr so genau hin, streifen andere mit einem Blick und wissen bereits „Nicht mein Typ!“. Dabei erzählen wir doch jedem, der uns danach fragt, dass uns am Wichtigsten ist, einen außergewöhnlichen Menschen zu finden und dass das Aussehen nur zweitrangig ist. Warum zum Teufel lassen wir dann keinem Menschen, der nicht aussieht wie ein Supermodel und unserem Ideal entspricht eine Chance? Du sitzt jetzt möglicherweise kopfschüttelnd oder mit gerunzelter Stirn vor diesem Text und denkst dir, dass das auf dich ja zum Glück nicht zutrifft. Aber sei ganz ehrlich – stimmt das wirklich?
Niemand verlangt, dass jeder jedem eine Chance geben muss. Attraktivität ist einer der entscheidendsten Faktoren bei der Partnersuche. Aber sie ist halt mehr als ein symmetrisches Gesicht, leuchtend blaue Augen und ein Knäckebrotlächeln. Attraktiv ist, wer sich im eigenen Körper wohlfühlt. Wie wäre es also, wenn wir uns mal wieder richtig Zeit nehmen würden, MITeinander zu reden, anstatt uns nur dem Gegenüber verkaufen zu wollen. Wenn jeder den Selbstdarstellungsmodus ausschaltet, ist er in der Lage vielleicht einen wirklich tollen Menschen kennen zu lernen. Weil er zuhört, nachfragt und dafür ein Stück der Lebensgeschichte des anderen gezeigt bekommt. Weil er mit den richtigen Fragen zu seinem Gesprächspartner durchdringen kann und durch ehrliches Interesse Dinge erfährt, die der andere so vielleicht gar nicht erzählt hätte. Ein echtes Gespräch eben.

Zugegeben: der Selbstdarstellungsdruck, den die Gesellschaft auf uns ausübt, ist immens. Für den einen mehr, für den anderen weniger. Soziale Medien bieten uns den perfekten Nährboden, um unsere Unsicherheit (und unser wahres Ich) zu verbergen unter einer Flut aus Bildern von coolen Partys, gestellten Fotos mit unseren Freunden und der Zurschaustellung unseres Besitzes. Schön, wenn jemand ein aktives Sozialleben hat, aber mal Hand aufs Herz – auf ein Date lassen sich beide Personen doch immer nur ein, weil sie etwas suchen, was ihnen offenbar fehlt. Sonst wären sie ja nicht dort. Also entspannt euch, lernt mehr über den anderen und findet heraus, wer da vor euch sitzt. Welche Gemeinsamkeiten habt ihr? Welche Interessen oder auch Abneigungen teilt ihr? Denn das verbindet, bricht das Eis und lässt euch (und den anderen) langsam Schicht für Schicht eures Schutz- und Selbstdarstellungsmantels ablegen. Im Gegensatz dazu ist es ausgesprochen frustrierend, wenn man nach einem Treffen das Gefühl hat, nicht zu Wort gekommen zu sein, nicht von sich erzählt und ein Stück von sich gezeigt haben zu können. Auf Dauer wird das sogar sehr verletzend und lässt uns nicht nur den Glauben an einen Datingerfolg verlieren, es lässt uns den Glauben an die Möglichkeit auf richtiges Kennenlernen und die Hoffnung auf die Liebe verlieren. Und das ist viel schlimmer.

Ohne ein echtes Gespräch kann keine Bindung entstehen. Und die ist nun mal der erste Schritt in Richtung eines Gefühls von Nähe. Erst durch diese entsteht das Kribbeln im Bauch, wenn wir an den anderen denken, sie weckt den Wunsch jemandem nahe zu sein, ihn besser kennenzulernen und ihn in unser Leben zu lassen. Nähe und Intimität geben uns Bestätigung, machen uns zufrieden und helfen dabei sich fallen zu lassen. Und zu guter Letzt, und das ist nicht außer Acht zu lassen, sind sie die Grundlage für guten Sex. Offenheit und Verletzlichkeit machen uns verständlicher, verlässlicher und vertrauenswürdiger für andere Menschen. Ein echtes Gespräch kann also die Grundlage schaffen für eine von Vertrauen, Loyalität und Zuneigung geprägte zwischenmenschliche Beziehung. Eine gute Basis für einen Anfang, findest du nicht?

Also bitte – nimm dir mal wieder richtig Zeit für ein anständiges Gespräch. Nimm dein Smartphone, schalte den Ton aus und stecke es einfach in die Tasche. Lass dich auf dein Gegenüber ein, beobachte, höre wirklich aufmerksam zu und lerne diesen Menschen kennen. Neben der Tatsache, dass du dich in eine komplett andere Ausgangslage bringst, weil du für deinen Gesprächspartner interessant wirst, da du wirklich zuhörst und ehrliches Interesse zeigst (das schmeichelt jedem), wirst du überrascht sein, was für ein toller Mensch dir gegenübersitzt und wer weiß – vielleicht ist das ja dein letztes erstes Date.

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Katastrophe Partnersuche – was wir über uns und andere lernen sollten 5.00/5 (100.00%), 2 Bewertungen