Nur ihm gilt der letzte Blick abends und der erste Blick morgens. Dem Handy. Noch vor dem ersten Kaffee haben die meisten Facebook gecheckt. Während die Noch-Verliebten eine Nachricht an den Liebsten verschicken, sitzen andere grummelig in der Bahn, nippen an ihrem Plastikbecher voll Coffee-To-Go und scrollen gelangweilt durch ihre Timeline und stalken die Profile anderer Nutzer. Die Digitalisierung hat längst auch unsere Beziehungen erreicht, nur leider ist das nicht vielen von uns bewusst. Manchmal sehe ich in einem Café eine Gruppe von Freunden, die bewusst alle Handys in der Mitte des Tisches stapelt. Ein schöner Gedanke, aber traurig, dass das überhaupt notwendig ist. Wann haben wir eigentlich begonnen unsere Online-Selbstdarstellung als so wichtig zu erachten, dass wir sogar unser Essen ablichten und posten müssen? Entschieden, dass es für andere so interessant ist, wie unser Muskelaufbau sich entwickelt, dass wir mehrmals täglich Bilder von unserem Posing hochladen müssen? Und was ist mit den Menschen? Warum sind die sozialen Medien nicht voll von Fotos mit unseren Freunden, auf denen ehrliche Momente der Freundschaft und liebevolle Momente mit unseren Partnern aufgenommen wurden? Weil das zu privat ist? Hier scheint es eine unsichtbare Grenze zu geben.

Digital Zombies auf dem Sofa

Während unser Kopf tagsüber vollgepackt ist mit dem nächsten Meeting, dem Geschäftsessen und den ganzen To-Do’s, die wir nach der Arbeit noch erledigen müssen, sollte doch abends eigentlich genug Raum bleiben für die, die eigentlich zählen. Ohne die wir nicht leben können, und die wir schmerzlich vermissen würden, wenn wir sie nicht hätten. Unsere Partner, unsere Familien, unsere besten Freunde. Vielen ist es bereits während des Essens schon nicht mehr möglich, nicht noch mal eben die Mails zu checken, dabei wäre es auch soviel gesünder und wohltuender für uns, sich auf das Essen und die realen Personen am Tisch zu konzentrieren und sich ihren Bedürfnissen zu widmen. Doch spätestens auf der Couch ist das Handy doch wieder dabei. Schlimmstenfalls sitzen dann zwei „Digital Zombies“ nebeneinander auf dem Sofa, scrollen und scrollen und scrollen durch Instagram und Facebook und lesen Nachrichten, während nebenbei Netflix läuft, bis es irgendwann an der Zeit ist ins Bett zu gehen. Da geht dann der Kopf an und man kann nicht schlafen. Komisch, wo man doch den ganzen Tag über in jeder freien Minute am Handy hing. Wir hören immer mehr auf selbst zu denken. Wenn man jemanden nach etwas fragt, kommt immer häufiger die Antwort: „Das weiß ich leider nicht, aber wir könnten es googlen.“ Es ist überhaupt nicht verwerflich, sich Wissen aus dem Internet zu holen, aber wenn es dazu führt, dass wir selbst nicht mehr nachdenken und unser Potenzial unausgeschöpft lassen, finde ich das sehr traurig.

Nehmt euch endlich Zeit füreinander!

Dadurch haben sich langsam aber sicher, Verhaltensweisen in unserem Leben manifestiert, die Gift für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind: wir streiten über WhatsApp, scrollen während des Essens durchs Handy und bekommen in Bus und Bahn kaum noch etwas von unserer Umwelt mit, weil wir nur aufs Display starren. Und was macht das mit unseren Beziehungen? Schlimmstenfalls bekommen wir die Kleinigkeiten, die um uns herum passieren, nicht mehr mit. Muss denn auch wirklich jeder Moment mit der Handykamera dokumentiert werden? Ist es nicht viel schöner solche Erinnerungen im Kopf abzuspeichern und sie immer wieder abrufen zu können? Vielleicht wandelt sich die Welt und wird immer digitaler, aber es muss doch auch etwas Schützenswertes und Heiliges geben. Sollten das nicht unsere engsten Beziehungen sein? Und damit meine ich nicht, sie von den Social Media Plattformen fernzuhalten, sondern sie vor unserem Konsumverhalten zu schützen, Freiräume zu schaffen. Für sie und für uns. Denn sonst droht ihnen dasselbe Schicksal wie unserem Essen und anderen „alltäglichen“ Dingen – sie werden nicht mehr als das wahrgenommen, das sie eigentlich sind. Und das ist traurig. Der eigentliche Kern des Problems ist doch folgender: wir wertschätzen nicht mehr. Momente werden mit einem anderen Bewusstsein erlebt, bei jeder außergewöhnlichen Situation wird sogleich das Smartphone gezückt. Habt ihr denn keine Augen? Warum müsst ihr alles auf einen digitalen Friedhof schicken? Denn seien wir mal ehrlich – wie oft schaut ihr euch das hinterher noch an? Es geht hier gar nicht darum das alles schlecht zu machen, sondern vielmehr um eine Mahnung, den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren. Und das Wesentliche sind nun mal die Menschen um uns herum. Unsere Partner, die immer wieder „mal kurz warten“ müssen, weil wir noch eben die WhatsApp beantworten müssen. Nehmt euch endlich Zeit füreinander! Und zwar zum Reden und Kuscheln und bewusst zusammen sein. Macht Fotos von euch, aber tragt die schönsten Erinnerungen im Herzen und vertieft eure Bindungen, denn nur so werden sie von Dauer sein. Beziehungen, und dazu zählen nun mal auch Freundschaften, sind das Wertvollste, das wir haben. Traurig, wenn man sie vernachlässigt und irgendwann nichts mehr bleibt als ein Haufen Fotos, Videos und WhatsApp Nachrichten. Wenn Beziehungen zerbrechen, weil man nicht mehr hingeschaut hat und nebeneinanderher lebt, bis man sich nichts mehr zu sagen hat. Als es noch keine Handys gab, musste man sich miteinander auseinandersetzen und hat seine Zeit auch anders verbracht. Manchmal sollten wir uns ein wenig mehr davon zurückholen.

Kommunikation und Wertschätzung

Wieso nun hat sich die Gesellschaft daran gewöhnt zu akzeptieren, dass es zu diesem Zustand gekommen ist? Das Verhalten wird doch von vielen mit einem Kopfschütteln bedacht und gerade die Älteren können nicht so ganz nachvollziehen, wie es so weit kommen konnte. Im Titel des Artikels ist von „Betrogen werden“ die Rede. Wie ist das hier nun gemeint? Sex ist nicht der einzige Weg, auf dem man jemandem fremdgehen kann. Neben der Tatsache, dass es unfassbare viele Beziehungen gibt, in denen Menschen sich wünschen eigentlich mit jemand anderem zusammen zu sein, gibt es eben noch diesen Weg sich aus einer Beziehung herauszuschleichen, Konfrontationen zu vermeiden oder zu verlagern (auf WhatsApp) oder zu sagen „Wir reden später!“, obwohl das dann nie passiert. Diese Vermeidung einer aktiven Beziehung, bei der im eigentlichen Sinne zwei Parteien an der Bindung zueinander arbeiten, ist gemeint. Denn, wenn man sich dieser Arbeit und dem Zusammensein ständig absichtlich entzieht, betrügt man sich und seinen Partner um gemeinsame Zeit. Dieses Verhalten resultiert dann im schlimmsten Fall in einer Trennung. Vielen wird, wenn überhaupt, erst viel später klar, dass das eigene Verhalten einen Großteil zu der Situation beigetragen hat. Wie bei fast allem, gehören hier aber auch wieder zwei dazu – einen, der macht und einen, der es geschehen lässt. Wann hast du dir das letzte Mal so richtig Mühe für deinen Partner gegeben? Einen tollen Kuchen für einen Freund oder deine Eltern gebacken? Dir bewusst Zeit genommen, um jemandem eine Freude zu machen? Und andersherum, wann hat dir das letzte Mal jemand, der dir nahe steht seine Wertschätzung gezeigt? Die meisten Beziehungen scheitern traurigerweise aus ein und demselben Grund: mangelnde Wertschätzung. Der amerikanische Forscher John Gottman fand in seinen Studien heraus, dass die frischverheirateten Paare, die er beobachtete allesamt eine Gemeinsamkeit aufwiesen. Im Verlaufe des Beobachtungszeitraums machten sie sich immer wieder gegenseitige Gesprächsangebote. Wurden diese mehrfach abgewiesen, machte sich bei dem anderen mit der Zeit immer mehr Frustration breit. Er gab die Kommunikationsversuche auf und zog sich zurück, da sein Wunsch nach Nähe und Geborgenheit immer wieder abgewiesen worden war. Dem anderen fiel dies zumeist nicht einmal auf, denn er hatte ja nun seine Ruhe. So gibt es einen, der sich Mühe gibt und dem anderen wiederholt Angebote macht und durch die Abweisung immer wieder enttäuscht wird. Irgendwann gibt er auf, denn die erlebte Missachtung macht auf Dauer einsam und unglücklich. Eine erfüllende Beziehung führten hingegen die Versuchsteilnehmer, die auch nach Jahren noch Interesse am Partner zeigten und während des Beobachtungszeitraums immer wieder auf die Gesprächsangebote ihres Partners eingegangen waren und sich aktiv mit ihm auseinandersetzten. Kommunikation und Wertschätzung sind demnach wichtige Schlüssel, um eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Warum sollte man auch einer Beziehung entfliehen wollen, wenn man den Partner liebt und in ihm jemanden gefunden hat, der sich nicht nur mit den eigenen Problemen und Interessen auseinandersetzt, sondern auch aktiv am Leben seines Partners teilnimmt? Da gibt es natürlich noch einiges mehr. Bei einer Scheidungsrate von rund 40% in Deutschland und den ganzen Trennungen der unverheirateten Paare, die noch dazu kommen, zeigt sich, dass es nicht so einfach ist mit der Liebe. Warum es also noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist?

In der Liebe müssen wir sein wie Kinder

Doch es gibt auch Hoffnung! Neben den anfangs erwähnten Gruppen, die ihre Handys in der Mitte des Tisches stapeln, gibt es inzwischen immer mehr Menschen, die sich bewusst dazu entscheiden das Handy auszuschalten, oder ein paar Tage „digital zu fasten“ und ihre Umwelt wieder ungefiltert mitzubekommen. Immer häufiger lässt sich dieses Verhalten auch bei den Bloggern und Großen auf Facebook, Instagram und Co. beobachten. Sie melden sich dann bei ihren Fans und Followern für einige Zeit ab und nehmen sich eine richtige Auszeit. Hoffen wir, dass sich unsere Gesellschaft auf das Wertvollste, das wir haben zurückbesinnt und einen goldenen Mittelweg zwischen digitalem Fortschritt und unseren zwischenmenschlichen Beziehungen findet. Denn diese sind bewiesenermaßen das Einzige, was uns wirklich glücklich machen kann. Nehmt euch Zeit füreinander und macht euch euer Verhalten bewusst. Geht kritisch mit euch selbst ins Gericht und fragt eure Liebsten ehrlich, ob sie sich von euch vernachlässigt und nicht genug beachtet fühlen. Normalerweise ist man sich über das eigene Verhalten nicht so bewusst, besonders wenn kaum noch Zeit bleibt, sich selbst zu reflektieren und sich im Gespräch mit anderen Feedback zu erhalten. Und denkt auch einmal darüber nach, wofür und wann ihr euren Partner kritisiert. Tut ihr dies zurecht oder ist es vielleicht doch eher eure eigene Unzufriedenheit, der ihr Luft machen wollt? Habt ihr vielleicht einfach nur vergessen, was dieser Mensch schon alles für euch getan hat und was ihr schon gemeinsam erlebt und durchgestanden habt? Öffnet die Augen und seid ehrlich zu euch selbst. Manchmal hat man sich so daran gewöhnt, an allem etwas Schlechtes zu finden, weil es eigentlich nichts schlechtes am anderen gibt. Doch Kritik, ob nun gerechtfertigt oder nicht verletzt immer, wenn sie persönlich ist. Oft sind es auch kleine Formulierungen, die zeigen, wie überzogen manche Reaktionen sind. „Warum hast du denn rote Paprika mitgebracht? Du weißt doch, dass ich dagegen allergisch bin. Willst du mich etwa umbringen? Warum kann ich mich eigentlich nie auf dich verlassen?“ In der Liebe müssen wir sein wie Kinder, die immer das Gute im Anderen sehen wollen und deshalb die kleine Seifenblase, in der man zusammenlebt, schützen. Das gilt allerdings auch für Beschädigungen aus dem Inneren heraus. Wenn man sich einmal ins Gedächtnis ruft, wieviel schöner es doch ist, seit man den Anderen hat und seine wundervollen Seiten wiederentdeckt, wird sich auch das eigene Verhalten ändern. Und dadurch auch das des Partners, denn in einer gesunden Beziehung fallen solche Dinge auf. Auf diesem Weg kann man immer wieder zurückfinden zu den Wurzeln der Beziehung und man kann daran wachsen. Ebenso wie die Liebe.

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